Poetische Artikulationen – Martin Rosenbaum

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Die Patin

Geistige Patin dieser Seite ist die Wunderblume Taraxacum sect. Ruderalia, der Gewöhnliche Löwenzahn.
Nichts Besonderes sein. In allen möglichen Böden, Ecken und Nischen wurzeln. In dichtgelben Blüten von süßem Geschmack sein Licht ausstrahlen. Heilend. Bitter im grünen Bereich.
Nach der Silberkugelverwandlung sich in alle Richtungen verschenkend – vom Wind getragen.


Das Bild

Ein Kind findet im Wald einen Stock und beginnt zu spielen. Ein anderes kommt hinzu und spielt mit. Immer mehr kommen dazu, lassen sich anstecken und beginnen ebenfalls zu spielen.
Sie spielen. Jedes für sich. Vereint. Frei.

Zweites Bild

Das Kind, malend. Rufe aus seiner Innenwelt und antwortende Echos auf dem Papier. Überströmendes Lebensglück. Es rennt zur Mutter: Für Dich!


Der Kompaß

Alle Gedanken, Ideen und Arbeiten dieser Website als Wege, die auf einen gemeinsamen Horizont zulaufen. Fünf zentrale Fluchtpunkte sind:
die Wahrung und Ehrung der Schöpfung, Frieden, Gerechtigkeit, Aufklärung, der freie Mensch als kritikfähiges, soziales, schöpferisches Wesen.


Der Fluss | Im Strom

Das Fließen, das Strömen.
allmählich ein Bett ausbilden.
Die Ränder in steter Veränderung.
Mäandern durch vielfältige Landschaften.
Bewegung durch und entlang verschiedenster Orte.
Fremdes, Angeschwemmtes aufnehmen, sammeln, mit sich führen, weitertragen, anschwemmen, ans Ufer.
Wellen, untertauchend, an anderer Stelle wieder auftauchend.

Es geht nur in solch assoziativem Denken in Bildern, bildhaften Begriffen.
Worte finden für das, was da hoch will, ständig suchend nach neuen, passenderen, haltgebenden Begriffen. Von ihnen aus geht es erneut in den Strom.

Da ist auch ein Ruf, der mir sagt: Sorge Dich um es, schaffe Ordnung und Überblick, mach es zugänglich und handhabbar, mach dass es schön ist, teile es mit und mit anderen.

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Ausstreuung und Verzweigung der Offenen Weite

Schleuse und Membran

Ausstreuung und Verzweigung der Offenen Weite

Joseph Beuys – eine Antwort

Jeder Mensch ist ein Künstler

Als ich diesem Satz zum ersten Mal begegnete, stürzte er mich geradezu in ein Denkkoma. Dabei schien mir mit ihm weniger etwas vollkommen Neues behauptet als vielmehr etwas Altes neu gesagt, mit einem Akzent auf dem Schöpferischen: die Sehnsucht und Forderung nach freiem und selbstbestimmtem Leben.

Die Frage, die mich ausfüllte und nicht losließ, war die: War es möglich, einer derart allgemeinen Aussage eine konkrete erfahrbare Form zu geben, ein Pendant mit gestalterischen Mitteln zu schaffen, das den Aussagegehalt abbildet und wenigstens ansatzweise sogar wirksam werden lässt?

Annäherung

Zunächst konzentrierte ich mich auf die Frage nach dem Ort des Schöpferischen und seinen Bedingungen. Bei der Suche nach einem möglichst allgemeinen Ausgangspunkt fand ich einen Hinweis in Johan Huizingas Kulturstudie homo ludens. Darin spricht er mit Bezug auf das Spiel von einer primären Lebenskategorie, einer Ganzheit, und hebt die Nähe des Spiels zur Sphäre des Ästhetischen und Religiösen, seine kulturschaffende Funktion und seinen Charakter der Freiheit hervor.

Selbstzweckhaftigkeit und elastische Regelhaftigkeit gelten als zwei übergreifende Merkmale jeden Spiels. Ich begann nach einer möglichst reinen Spielform zu suchen, einer Art Ur-Spielform, bei der die Spielkomponenten weitestgehend mit diesen beiden Merkmalen zusammenfielen. Am ehesten schienen hierfür einfache Spielformen in Frage zu kommen.

Einen weiteren Anstoß lieferte wiederum Huizinga. Seine Bemerkung, dass für die Bezeichnung Spiel in vielen Sprachen der semantische Ausgangspunkt der Begriff einer schnellen Bewegung zu sein scheine, ließ mich unverhofft in der einfachen fortgesetzten und sich selbst verstärkenden einfachen Pendelschwingung, wie sie sich beim Schaukeln findet, eine anschauliche Gestalt jener beiden Grundprinzipien des Spiels erkennen.

Weg zur Form

Nach vielen Formfindungsversuchen brachte der zufällige Fund eines alten rostigen Fassrings eine ästhetisch überzeugende Lösung. Mir fiel sofort seine plastische Ausdrucksqualität auf. Hinzu kam, dass er schräg aufgerichtet eine Form bildete, die räumlichen und technischen Erfordernissen entsprach.

Überraschender und bedeutsamer noch war die Entdeckung, dass sich diese Form von der einfachen Pendelbewegung ableiten ließ und die einzelnen Ableitungsschritte eine Zeichenreihe bildeten, die als stilisierte Symbolik grundlegender Daseinsbedingungen gelten konnte.

Symbolik des Raums

Zusammen konfigurieren Kegelringe mit Schaukeln einen komplexen Raum, in dem unterschiedliche, zum Teil unvereinbare Bewegungsformen und Richtungstendenzen aufeinander treffen und einander durchdringen. Im einzelnen Element lässt sich darüber hinaus ein Symbol zwei der elementarsten Wirklichkeiten erkennen: Polarität und Steigerung.

Aufgrund seines allgemeinen wie paradoxen Charakters kommt es auf der Ebene des Symbolischen zu einem Spiel der Gegensätze, Verweisungen, Verschiebungen und Brüchen.

Bei aller Vielstelligkeit des Ausdrucks sind es dennoch vor allem primäre Daseinsaspekte wie Ursprung, Wachstum, Öffnung, Durchgang, Trennung, Integration, Transzendenz, prekäres Aufgerichtet- und Ausgesetzt-sein zwischen dem unendlich Kleinen und dem unendlich Großen, die dabei in den Blick kommen.

Tun und Lassen

Beim Schaukeln passt man sich an eine bestehende Gestaltaufforderung an. Man erspürt die angemessene Bewegung und vollzieht sie mit, verstärkt, bejaht sie, und ist dabei doch frei. Tun und Lassen treten in einen Austausch nach Art eines lebendigen Gleichgewichts. Im Schaukeln wird ein Handlungstypus herbeigeführt und abgebildet, wie er für ein freies gestaltendes Subjekt konstitutiv ist.

Visuelle Grammatik

I   Genese einer Form

II   In der Mehrung

III   Ebene der verborgenen Sinns

IV   Aspekte einer Form

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Im Rän vonne Sprache

N Worrcht

fälllt
inminn
Kopp –
jefälllt
unn zafälllt.

In Prosa:

Dem permanenten Strom der Sprache ausgesetzt, braucht irgendein Wort mir nur flüchtig aufzufallen, sein Klang, Horizont, seine Gestalt, Bedeutung, Herkunft; es springt mich an, platzt auf, rinnt, dehnt sich in neue Beziehungen, andere überraschende Zusammenhänge.

Im Rän vonne Sprache – Worrcht

Worrcht

Im Rän vonne Sprache – Prosa

Prosa

Nach dem Aufstand – Pate: Paul Klee, Aufstand des Aquädukts, 1937

Nach dem Aufstand

Pate: Paul Klee, Aufstand des Aquädukts, 1937

(Objektkasten)

Textbild – Strichcode Sprache

Ambiguitätstabsregiment | Großes Gehölzfest

Ambiguitätstabsregiment | Großes Gehölzfest – 1
Ambiguitätstabsregiment | Großes Gehölzfest – 2
Ambiguitätstabsregiment | Großes Gehölzfest – 3
Ambiguitätstabsregiment | Großes Gehölzfest – 4

Ins Denkgeäst – Von Zweig zu Zweig – In die Verzweigung

Vor Jahren hatte ich gelesen, dass der First/Dachbalken in der daoistischen Kosmologie zentral ist. Er verkörpert das erste, höchste, uranfängliche raumordnende Element. Mich erheiterte, wie treffend das englische first dem deutschen First glich. Zufällig fand ich kurze Zeit später einen über zwei Meter langen Bambusstab. Er gefiel mir auf Anhieb. Ich nahm ihn mit und hängte ihn in die Mitte meines Ateliers über den Tisch. Seitdem arbeite ich unter dem Zeichen des Stabes.

Eines Abends las ich in Thomas Bauer's Die Vereindeutigung der Welt – Über den Verlust der Mehrdeutigkeit und Vielfalt den Satz: »Der Soziologe Zygmunt Bauman geht noch weiter, wenn er schreibt, Ambiguität erscheine inzwischen ›als die einzige Kraft, die imstande sei, das destruktive genozidale Potential der Moderne einzuschränken und zu entschärfen.‹« [Bauer, 2018, S. 17]

Am Morgen darauf stand mir schlagartig das Ambiguitätstabsregiment vor Augen. Der Weg von Destruktion und Genozid zum Militärischen und Regiment war denkbar kurz gewesen. Ebenso die Formanalogie zwischen den Kriegswaffen Speer, Pfeil, Schlagstock, Gewehr und dem Stab.

Zudem erschien der Stab selber als ein Paradigma par excellence für Ambiguität. Einerseits als Symbol der Freiheit und Befreiung, andererseits als Zeichen von Bedrohung und Unfreiheit.

Von da an sah ich in jedem Zweig oder Ast, der sich am Ende ypsilonförmig teilte, den Prototyp eines Ambiguitätstabes; im Kontrast zur Eindeutigkeit des Victory-Zeichens, und mit der ironischen Pointe, dass alle Bundeswehrkennzeichen mit einem Y beginnen.

Das war der Anfang. Vor meinem geistigen Auge sah ich anstelle von Demonstrationen Menschen mit Ambiguitätstäben in vielfältigen Formationen und großer Spiel-Freude auf Straßen defilieren. Ypsiloniker*innen war viel einfacher und lustiger. Und frecher.

Es kamen die Namen. Ich sammelte mehrere Stäbe mit ypsilonförmigem Ende. Als ich sie nebeneinander aufstellte, fiel mir erst auf, wie individuell ihre jeweiligen Ausprägungen waren und wie unterschiedlich ihr Charakter, und wie alles danach rief, benannt zu werden.

Biegungen, Wölbungen, Abschlüsse, Einschlüsse, Verläufe, Äderungen, Abbrüche, Spuren, Verschliffenes, Verschattungen, Konturen, Einkerbungen, Knorpel, Risse, Oberflächen, Rundungen, Verwitterungen, Farbigkeiten, nicht zuletzt die handschmeichelnde Qualität. Jedes Detail rief einen neuen, weiteren Namen auf. Und die Sprache schenkte sich in einem oszillierenden Wechselspiel zwischen gefundener Naturform und differenzierender Namensgebung. Mal beschreibend, mal in ironischer Brechung, als Anspielung, poetisierend und so fort.

Neben Ypsilonikern gab es Zweiender, Schlangenzüngler, Zwiespalter, Aufspalter, Getrennte, Ausstrecker, Entzweier, Stimmgabler, Hirschkäferrufer, Stabfühler, Spreizer, Umarmer. Ein sich immer weiter verzweigendes Spektrum an Figuren, Haltungen, Charakterzügen tat sich auf.

Einmal begonnen mit dieser Art zuschreibender Namensgebung fing ich an, auch andere Stabformen, letztlich alles Gezweig von stabartiger Gestalt miteinzubeziehen, und wunderte mich nicht, als mir eines Morgens prompt ein zweiter Titel einfiel: Großes Gehölzfest.

»Alles Schöne aber ist in seinem Kern ambig«

[Haberl, 2019, S. 92]


Präambel

Im Gedenken an eine Zeit, da es mehr Feiertage als Arbeitstage gab, im Bewusstsein einer jahrhundertelang fortgesetzten Reduzierung von Feiertagen, im Wissen um den hohen Wert der Zweckfreiheit und – angesichts einer fortgeschrittenen und weiter zunehmenden ökonomisierenden Kolonisierung gesellschaftlicher Sphären – in der Einsicht in die Notwendigkeit, subversive Gegenräume vollkommener Abstinenz und Immunität gegenüber jeglichen Versuchen der Kommerzialisierung zu bilden, ist hier zum Ausgleich ein Festanlass geschaffen, vielerorts zu jeder Gelegenheit auf den Straßen zusammenzukommen und ausschreitend das Leben zu feiern – für all die, die Sehnsucht haben nach menschenfreundlich rhythmisierter Zeit, gemeinsamer, lebensfreudiger, formenreicher Begegnung im öffentlichen Raum, nach hingebungsvoller Zuwendung zur Natur in freiester sprachspielerischer Schöpfungslust.

A|GG Allgemeines

§ 1 Jede Frau und jedermann hat das Recht, sich zum Mitglied des großen oder eines bestimmten Ambiguitätstabsregiments [A|GG] zu erklären oder als sich ihm zugehörig zu empfinden. Die Mitgliedschaft kann zu jedem beliebigen Zeitpunkt ohne Einhaltung irgendeiner Frist oder sonstige weitere Verpflichtung beendet werden.

§ 2 Wer bei einem öffentlichen Auftritt des oder einen A|GGs mitwirkt, wird für die Dauer der Mitwirkung automatisch Mitglied des A|GGs.

§ 3 Jedem Menschen steht es frei, mit oder ohne Stab teilzunehmen. Dementsprechend gilt er als Stabträger, Stabloser oder Stabbefreiter.

§ 4 Jeder Mensch hat von Geburt an das Recht, Teil eines A|GG zu sein, wann und wo immer es sich zu einem Auftritt oder einer Aufführung versammelt oder formiert.

§ 5 Jeder Mensch ist frei, selber ein Ambiguitätstabsregiment zu gründen oder aufzubauen und gemeinsam bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten aufzutreten.

§ 6 Bei einem Auftritt mit geringer Personenanzahl erhält es die Auszeichnung Keimzelle für ein Ambiguitätstabsregiment.

§ 7 Bei Auftritten, Aufmärschen, Aufführungen können neben den bekannten Formen wie Parade, Prozession, Ritual, Tanz, Marsch, Formation auch freie Choreographien oder neue Formen entwickelt werden. Das Potential des sprachlichen Anteils bzw. des Spielens mit der Sprache sollte dabei nach Möglichkeit genutzt und ausgeschöpft werden.

Kinder

§ 8 Kinder gelten grundsätzlich und ausnahmslos als Ehrengäste und sind entsprechend bevorzugt zu behandeln.

§ 9 Kindern bis einschließlich des 10. Lebensjahres ist den örtlichen Gegebenheiten entsprechend, bei dezenter Aufsicht und unter Gewährleistung der Sicherheit aller Teilnehmenden größtmöglicher Raum zu erschließen oder zu überlassen, um ihr Stabvermögen und ihre Stabkünste zu erproben, auszuleben oder der Öffentlichkeit zu präsentieren.

§ 10 Waffenartige Darbietungen oder Verwendung von Stäben sind grundsätzlich nicht gestattet. Davon ausgenommen ist der besonders bei Jungen beliebte Weitwurf von langen Stöcken oder Stäben, sofern die räumlichen Gegebenheiten es zulassen und die allgemeinen Sicherheitsbedürfnisse gewahrt sind.

§ 11 Kinder, die noch nicht oder noch nicht schnell genug lesen können, haben bei erkennbarer Neugier oder auf ausdrückliche Nachfrage das Recht, von jedem A|GG Mitglied die Namen jeweiliger Stäbe vorgelesen oder genannt zu bekommen.

§ 12 Eltern und Beziehungspersonen sind in Gegenwart von Kindern dazu angehalten, Sätze wie »Tu/Wirf jetzt endlich den Stock weg«, »Lass den Ast jetzt mal liegen« oder »Den nehmen wir aber nicht mit nach Hause« zu unterlassen.

§ 13 Gemäß der Idee des A|GG leben Eltern oder Bezugspersonen den Kindern in Vorbereitung einer Teilnahme am A|GG eine gesammelte, gespannte Aufmerksamkeit oder hingebungsvolle Zuwendung zu natürlich gewachsenem Holz, Stäben, Zweigen vor.

§ 14 Die Wertschätzung ist dadurch zum Ausdruck zu bringen, dass die ausgewählten Stäbe in der häuslichen Sphäre einen Ort zugewiesen bekommen.

Beziehung zur Natur

§ 15 Aufgabe und zentrales Anliegen des A|GG ist es, am Beispiel natürlich gewachsenen Holzes daran zu erinnern und wieder fühlbar zu machen, dass die Natur unsere ursprüngliche Heimat ist.

§ 16 Im Rahmen des A|GG darf für eine Teilnahme kein lebendes Holz eigens geschlagen oder verwendet werden, sondern ausschließlich schon gefallenes, sog. totes Holz oder uns zugefallenes Holz.

§ 17 Das A|GG fördert das in-die-Hand-nehmen oder Umgreifen eines Stabes, Stocks usw. als eine Geste der Zuwendung und des liebevollen Umgangs mit der Natur.

§ 18 Das A|GG erschafft den Raum und die Gelegenheit, die im genauen Betrachten, Betasten, Bewegen von Stöcken, Ästen, Stäben liegenden Möglichkeiten, tieferes Wissen über lebendige Wachstums- und Entwicklungsprozesse zu erlangen.

§ 19 Eine zentrale Hauptaufgabe des A|GG ist die Unterstützung, Förderung und Ausweitung des NDR [Nicht Digitalen Reservats].

§ 20 Im Sinne des A|GG ist es, den uralten Sammel-, Erhaschens- und Spieltrieb anzuregen und ihn dabei so in die Natur zu lenken, dass diese dabei nicht geschädigt wird.

Stab und Sprache

§ 21 Jede am A|GG teilnehmende Person ist eingeladen und frei, ihrem Stab einen eigenen Namen zu geben oder sich einer bestimmten Stabträgergruppe anzuschließen.

§ 22 Die Namensvergabe kann sich auf einen einzigen Namen beschränken oder eine Liste von Namen umfassen.

§ 23 Im Falle bewusst unterlassener Namensvergabe oder sonstiger Stabnamenlosigkeit ist mit Fragen seitens anderer A|GG Mitglieder zu rechnen.

§ 24 Generell ist jedes Regimentsmitglied dazu angehalten, mit Freude und verschwenderisch die eigene Sprachmächtigkeit auszuspielen, sie mit anderen zu teilen und sich auf's Vergnüglichste auszutauschen.

§ 25 Herausragend sprachschöpferische Persönlichkeiten sollen sich hinsichtlich ihrer Sprachphantasie großherzig verausgaben und verschenken.

§ 26 Die genaue Anschauung, das abtastende Sehen eines gewachsenen Stabes, ist zum Anlass zu nehmen, die eigene Sprache auszuloten und ihr einen oder mehrere Namen zu entlocken, beschreibend, charakterisierend, anspielend, lautspielerisch, phantasiereich, humorvoll, absurd, kontextbildend, abstrahierend, symbolisch usw.

§ 27 Auf die Unermesslichkeit der Natur, ihre unerschöpfliche Form- und Farbfülle, wie sie sich auch in gefallenem, »entreiftem« [H.v.Kleist] Holz zeigt, soll – vom Holz inspiriert – mit einer ebenso unerschöpflichen Lust an Wortschöpfungen geantwortet werden. Die entsprechende Formel lautet: Das unendliche Formen-Spiel der Natur und ihre Echos im Sprachspiel.

§ 28 Das Spiel mit den Worten kann bis an die Grenze zum Albernen getrieben werden, solange es dazu beiträgt, den Kindern die Angst vor unverständlichen Worten zu nehmen.

§ 29 Im Rahmen von A|GGs haben Erwachsene die Aufgabe, bei Kindern die Sensibilität für die vielen feinen Sinnverschiebungen zu bewahren oder zu wecken und sie zu lehren, dass die Wörter an ihren Rändern verschwimmen und wirklich lebendige Sprache niemals eineindeutig ist.

Wirtschaft

§ 30 Durch die Fokussierung auf »totes« Gehölz als etwas, das nahe am Müll »wohnt«, im Überfluss vorhanden ist und andauernd neu entsteht, von überbordender Schönheit in herrlicher Umsonstigkeit, versteht sich das A|GG als eine betonte Geste des Widerstands gegenüber eines übermäßigen, fortschreitenden Ökonomismus in immer mehr gesellschaftlichen Räumen. Seine Aufgabe ist, einen Gegenraum vollständiger Abstinenz und Immunität gegenüber allen denkbaren kommerziellen Zugriffsversuchen zu schaffen.

Ambiguität

§ 31 Der Stab zeigt eine ausgeprägte Doppelsinnigkeit beziehungsweise Uneindeutigkeit. Er kann bedrohliche Waffe wie auch hilfreiches Werkzeug sein, Symbol der Befreiung oder auch der Unfreiheit. Im Rahmen des A|GG wird durch die Praxis, ein und demselben Stab mehrere unterschiedliche Namen oder Deutungen zuzuschreiben, die grundsätzlich multiple Lesbarkeit der Welt aufgezeigt.

Gesellschaft und Verantwortung

§ 32 Jedes A|GG Mitglied ist verpflichtet, Kindern, die in einem sozialen Umfeld mit geringem Wortschatz aufgewachsen sind, besondere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

§ 33 Das A|GG hat die Aufgabe, Erwachsenen Raum zu geben, um Kindern Geschichten aus der reichen Kulturgeschichte des Stabes zu erzählen.

§ 34 Stabauswahl und Namenvergabe ist als Prozess zu betrachten, der es ermöglicht, Zugang zu den eigenen inneren Bildern zu finden.

Glaubensbekenntnis

für Stabträger / Regimentsteilnehmer und Sympathisantinnen

Ich glaube an den Humor und den Menschen, der lachen kann.
Ich glaube an das aus Freiheit Gemeinschaftsstiftende Zusammenkommen von Menschen.
Ich glaube an die überragende, heilsame Bedeutung von aufmerksam liebevoller Zuwendung und Beziehung zur Natur.
Ich glaube an die tief heilende Kraft unserem uralten Sammel- und Jagdtrieb in sublimierender Form zu antworten.
Ich glaube an die Schönheit, die Poesie und die Größe der Umsonstigkeit.
Ich glaube an die Sprache, die Sprachmächtigkeit und das schöpferische Sprachspiel.
Ich glaube an die Heiligkeit der Erde, die es hervorbringt und trägt, und die Erfordernis, ihren Schmerz zu fühlen.
Ich glaube an die Würde des Schweigens im Holz.

Literatur

Bauer, T. (2018). Die Vereindeutigung der Welt – Über den Verlust der Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Stuttgart: Reclam.
Bleutge, N. (2020). Den Wiederholungen folgen. Inger Christensens alfabet/alphabet. Zwiesprachen: Stiftung Lyrik Kabinett München.
Burnside, J. (2018). Natur! 100 Gedichte. München: Penguin.
Drawert, K. (2012). Schreiben. Vom Leben der Texte. München: C.H.Beck.
Haberl, T. (2019). Die große Entzauberung. Vom trügerischen Glück des heutigen Menschen. München: Blessing.
Rakusa, I. (2016). Listen, Litaneien, Loops – zwischen poetischer Anrufung und Inventur. Stiftung Lyrik Kabinett München.

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Für Marianne Gronemeyer
erschienen in: Was glaubst du eigentlich?
Hrsg.: Charlotte Jurk, Reimer Gronemeyer
Polkowski, Wolfgang 12/2020

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Vor einigen Jahren befasste ich mich mit der Gründung eines Feiertags. Hintergrund waren vorrangig folgende vier Motive:

  • Das Problem größerer Gerechtigkeit, Verantwortung und Solidarität in globalem Maßstab.
  • Der Mensch als schöpferisches Wesen, die Förderung echter Selbstentfaltung, insbesondere als Basis für den eigenen inneren Frieden.
  • Die Ausweitung des Poetischen in Sichtweite des Politischen.
  • Ein Feiertag oder mehrtägiges Fest als Gegengeste, als Unterbrechung, Widerstand, Innehalten gegenüber der angeblichen Erfordernis von noch mehr Arbeit, Beschleunigung durch Digitalisierung, Produktion und dem Konsum, damit verbunden die Rück- und Wiedergewinnung von Freiraum.

Bei der Suche nach einem möglichen gemeinsamen Nenner in der Vielfalt an Kulturen und Traditionen fand ich im Tisch ein geeignetes Motiv. Daraus entstand die Idee eines Tischfestes.

Das gemeinsame Mahl, Gemeinschaft und Austausch, Begegnung und Teilhabe sind grundlegende Aspekte, die mit dem Tisch verbunden sind. Überall auf der Welt kommen Menschen zum gemeinsamen Mahl zusammen. Meist an einem Tisch.

Als Ort des Teilens ist der Tisch ein ausdrucksvolles Symbol gegenseitigen Respekts und gegenseitiger Verantwortung, von Teilhabe und Gemeinschaft. Was wir heute brauchen, wenn wir unsere ethischen Maßstäbe nicht aufgeben wollen, ist eine solche Haltung in planetarischer Perspektive, ich nenne es »globale Tischgesittung«.

Der Tisch ist eine minimale Formstruktur, denkbar allgemein und unspezifisch. Von ihr aus lässt sich ein weites Spektrum an Räumen entfalten: Räume kritischer Reflektion, Räume reiner Poesie. Möglichkeitssphäre für eine spielende Kreativität, die sich ungehindert entfalten kann. Offen wie das Leben, das nichts als sich offenbaren will.

Die postkartengroßen betitelten Zeichnungen sind eine Art Streuzeichen. Exemplarisch zeigen sie auf, was für ein weithin offenes Gelände der Tisch als gestalt- und kontexualisierbarer Gegenstand darstellt und welche unerschöpflichen Spielräume sich darin eröffnen.

Rinne – Tisch – Ober-Unterkresse 1
Rinne – Tisch – Ober-Unterkresse 2
Rinne – Tisch – Ober-Unterkresse 3
Rinne – Tisch – Ober-Unterkresse 4
Rinne – Tisch – Ober-Unterkresse 5
Rinne – Tisch – Ober-Unterkresse 6
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Sonnenkörperchen –
Triangulierungspoesie* für ein Massenprodukt.
Der Japankugel gewidmet

(* Triangulierung, wörtl. »dreieckig machen«, von lat. triangulum, »Dreieck«. Der Begriff steht hier für das Herstellen einer Dreieckskonstellation in einem Raum.)

Sonnenkörperchen – Triangulierungspoesie Titel
Sonnenkörperchen – Triangulierungspoesie 1
Sonnenkörperchen – Triangulierungspoesie 2
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Nicht tun – Kunstpavillon Übersicht

Nicht tun

Nicht tun – Performance 1
Nicht tun – Performance 2
Nicht tun – Performance 3
Nicht tun – Performance 4
Nicht tun – Performance 5
Nicht tun – Performance 6
Nicht tun – Performance 7
Nicht tun – Performance 8
Nicht tun – Performance 9
Nicht tun – Performance 10
Nicht tun – Performance 11
Nicht tun – Performance 12
Nicht tun – Performance 13
Nicht tun – Performance 14
Nicht tun – Performance 15
Nicht tun – Performance 16

Flutkasten

Flutkasten 1
Flutkasten 2
Flutkasten 3
Flutkasten 4
Flutkasten 5
Flutkasten 6
Flutkasten 7
Flutkasten 8
Flutkasten 9
Flutkasten 10
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Sieben annotierte Grundformen
für öffentliche Schlaftürme.
Beitrag zum Ausbau von Erfahrungsorten nächtlicher Himmel.

Eine poetische, indirekt auch politische Antwort auf die Zerlichtung der Nacht. Artikulation einer Erinnerung und Sehnsucht nach einem hierzulande weithin verschwundenen Erfahrungsraum, der wie nichts sonst das Potential hat, uns Demut zu lehren und uns daran zu erinnern, Teil eines unermesslich großen Ganzen zu sein.

Die sieben länglichen Formen als Chiffren der menschlichen Gestalt. Die Worte: Antworten aus dem Raum der Imagination, der Weite des Nachthimmels.

Sieben annotierte Grundformen – Schlaftürme (Übersicht)
Blatt, Flügel, Knospe, Tropfen

Blatt · Flügel · Knospe · Tropfen

Auge, Yoni, Boot, Wunde

Auge · Yoni · Boot · Wunde

Ei, Samen, Laib

Ei · Samen · Laib

Tor, Lingam

Tor · Lingam

Fenster, Klinge

Fenster · Klinge

Turm, Säule, Grab, Stufe

Turm · Säule · Grab · Stufe

Gefäß, Konus

Gefäß · Konus

Abschlussbild